Nazir ibn Ruban Al´Dhachmani

Nazir ist ein tulamidischer Edelmann.

Description:

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Nazil ist ein Tulamide mitte zwanzig, er hat schwarzes kurzes Haar und hellbraune Augen. Er ist knapp einmeterachtzig groß und von durchschnittlicher Statur.

Meist trägt er helle, lange Gewänder aus edlem Tuch aber schlicht im Schnitt. In der Rägel trägt er eine weiße Kufiya auf dem Kopf, manchmal ist das Tuch auch zu einem Turban gewickelt. An einem breiten Tuchgürtel um die Hüfte führt er einen Prunkvollen Krummdolch mit sich.

Der Tulamide hinkt deutlich und stützt sich beim Gehen auf einen polierten Stock auf edelm Holz.

Bio:

1012 BF Spätsommer – Sommersitz der Familie Dhachmani, nahe Khunchom

„Nazir!“, die helle Stimme der schönen Tulamidin Anfang dreißig schallte vom Balkon aus zu dem erstaunlich grünen Garten. Suchend sah sie sich nach ihrem jüngsten Sohn um, aber erst als sie nochmals nach ihm rief kam der kleine, schwarzhaarige Junge fröhlich angerannt. Er trug einem ihm deutlich zu großen Turban der bei jedem Schritt drohte über die braunen Augen zu rutschen und hinter sich her zog er ein kleines Holzschiff auf Rädern.

„Mama, Mama! Ich bin Ein Kapitän, ich bin ein Kapitän genau wie Papa!“, Ungeschickt griff der kaum vier Sommer alte Nazir das Holzschiff auf und hob es Zafira, seiner Mutter entgegen. Sie kannte das Spielzeug, hatte sie selbst doch Ruban angehalten es zu erstehen, dennoch zeigte sie sich höchst beeindruckt von dem kleinem Schiff: „Oh was für eine prächtige Zedrakke habt ihr da Kapitän Nazir, ein stolzes Schiff das den Namen der Dhachmani in ferne Länder tragen wird.“.

Zafira war Ruban sechste Frau, es viel ihr nicht immer leicht die novadischen Familiensitten ihres Mannes an zu nehmen, eine Frau von vielen zu sein. Aber Ruban war ein guter Gatte, der sie Liebte und für sie sorgte und so trug sie gerade ihr viertes Gemeinsames Kind aus. Vielleicht der vierte Sohn nach Omar, Marwan und Nazir, aber das würde sich erst in einigen Monden zeigen. Behutsam reichte sie ihrem Kind das Holzspielzeug zurück und rückte seinen Turban zurecht: „Aber nun Kapitän Nazir wird es Zeit für euer Mahl, wir wollen sehen was der Smutje zubereitet hat.“.

1017 BF Frühjahr – Stadthaus der Familie Dhachmani, Fürst-Istav-Allee, Khunchom

Der Marmorspringbrunnen im kleinen Innenhof des prächtigen Hauses plätscherte dekadent vor sich hin. Im hellen Sonnenschein der Herbstsonne wirkten funkelten die halbrunden Strahlen klaren Wassers wie Kristallbögen. Ein kleines Mädchen in türkisenem Gewand saß am breiten Rand des Zierbrunnen und spielte mit bunt bemalten Holztieren. Ihr ungewöhnlich volles, lockiges, schwarzes Haar wurde von einer zierlichen Schärpe zurück gehalten.

Keine vier Schritt entfernt standen drei Jungs, ihre Brüder Nair, Marwan und Omar. Letzterer war mit Siebzehn Jahren der älteste, gefolgt von seinen zwei Jahre jüngerem Bruder Marwan. Beide waren hoch gewachsen und von kräftiger Statur, so verwundert es auch nicht, das sie voller Begeisterung und Elan mit zwei Stumpfen Krummsäbeln das fechten übten. Der Jüngste der Brüder, der neunjährige Nazir aber, stand nur mit großen Augen daneben. In seinen kleinen Händen hielt er fest einen hölzernen Krummsäbel. Eine ganze Weile schon beobachtete er seine Brüder beim Kampf und als Omar mit einer Finte Marwan wieder einmal austrickste und ihn mit der Stumpfen Klinge gegen den Oberarm Schlug lies dieser resignierend seinen Säbel sinken.

„Jetzt ich!“, rief der jüngste der drei Brüder sogleich und hob sein Holzsäbel. Doch Omar griff den Jungen nur am Haarschopf und stieß ihn wieder zurück: „Nein Nazir du bist nicht alt genug! Geh mir deiner Schwester spielen!“. Bedröppelt stolperte der Tulamidenjunge zurück und ließ Schultern wie Schwert hängen. Er wusste, Wiederworte waren zwecklos als versuchte er zumindest möglichst Mitleiderregend auszusehen als er zur kleinen Halima ging. Lustlos setzt er sich auf den Brunnenrand und warf seinen wieder fechtenden Brüdern einen schmollenden Blick zu.

Als Nazir aber nebens ich Blickte sah er seine vier Jahre jüngere Schwester halb über den Marmorrand lehnend und mit ihren viel zu kurzen Armen vergebens nach einem Holzpferd greifend das im Wasser des Springbrunnens trieb. Er seufzte und lehnte sich ebenso herüber, ergriff das kleine Spielzeug mit seinen nicht mehr ganz so kurzen Armen, wischte es an seiner Tunika trocken und reichte es Halima zurück. Das kleine Mädchen strahlte voll Freude als habe ihr Bruder das wichtigste auf der Welt gerettet und umarmte den darüber leicht irritierten Nazir unvermittelt. Wenn er schon nicht Kämpfen durfte wie ein Ritter, so beschützte er wenigstens die Prinzessin.

1019 BF Winter – Die Zedrakke Diamant, Hafen von Khunchom

Ruban ibn Dhachmani führte das schmale Tau durch seine rauen, kräftigen Hände. „Und so,…“, sprach er mit seiner festen Bassstimme, „so geht ein doppelter Schotstek.“. Die braunen Augen von Nazir folgten dem Seil, das durch die Finger des Seefahrers tanzte, in stiller Begeisterung beobachtete jede Bewegung seines Vaters. Wie ein verdurstenden saugte er jedes Wort des alten Novadis auf und verinnerlichte es sofort. Die Zeit, die sich sein Vater ihm allein widmete war selten und er würde es nie wagen sie durch Unaufmerksamkeit zu verschwenden. Als sein Vater ihm schließlich das verknotete Seil reichte, umschlossen Nazirs kleine Hände es wie einen Schatz.

„Komm mit ich Zeig dir das Schiff.“, eiligen Schrittes folgte der Junge seinem Vater der nicht ohne Stolz die neu geschaffene Zedrakke zeigte, in ausschweifenden Worten erklärte Ruban Taggelage, Ruder, die offiziellen und weniger offiziellen Frachträume, Bewaffnung und alles was man sonst noch über den Segler wissen musste. Als beide am Bug standen deutete der Vater seinem Sohn aufs Meer nach Osten. „Dort hinter dem Horizont liegt Maraskan“, fing der reiche Handelsherr dann das nächste Thema an, seinem Spross zu erklären woher der Reichtum der Familie stammte, wie sie waren durch ganz Aventurien brachten, vor allem aber durch die Tulamidenlande und nach Maraskan. Er erzählte ihm auch von den Gefahren der See, von Piraten und Seeungeheuren und schweifte schließlich ab in blumige Berichte seiner Reisen durch das Südmeer auf der Suche nach dem Riesland. Mit unschuldiger Neugierde fragte Nazir ihn schließlich: „Warum Vater, habt ihr das Riesland nie erreicht?“. Rubans Antwort begann mit einem herzlichen Lachen: „Ich habe auf dem Weg dahin so vieles gesehen, erlebt und erbeutet, das ich beschloss meinen Söhnen dieses Ziel zu lassen, auf das sie auch diese Abenteuer erfahren werden.“. Der Junge Händlerssohn strahlte begeistert: „Oh ja Vater! Ich werde für dich nach Riesland fahren!“.

Für Nazir verging die Zeit wie im Fluge und obgleich ihm sein Vater nur einige Stunden gewidmet hatte hörte er fünf Tage lang nicht auf von dem Nachmittag, dem Schiff und dem Vater vor seiner Mutter, vor Halima und seinen Brüdern zu prahlen. Das kleine Stück Seil mit dem doppelten Schotstek behütete er wie ein heiliges Artefakt, und legte es fortan wie einen Glücksbringer jede Nacht unter sein Kopfkissen. Eines Tages, so sagte er sich, würde er es nach Riesland bringen.

1022 BF Hochsommer – Dattelplantagen vor dem Sommersitz der Familie Dhachmani, nahe Khunchom

Die eisenbeschlagenden Hufen des schwarzen Shadif wirbelten den trockenen Sandboden auf. Wuchtvoll stampften die muskelösen Beine des dunklen Pferdes auf und erzeugten ein Grollen, wie von einem brausendem Sturm. Nazirs Hände klammerten sich fest an den Zügeln, und obwohl er sie stramm spannte war es nicht klar, ob der junge Reiter oder das riesige Pferd Richtung und Tempo bestimmte. In einem zumindest gefühlt wahnwitzigem Galopp ging es durch die engen Wege zwischen den ausufernden Dattelpalmen.

Diesmal, so war sich der wilde Reiter sicher, diesmal würde er Gewinnen. Im Frühjahr hatte er den dunklen Hengst, den er Al’Kabîr nannte, als Geschenk zu seiner Mannwerdung erhalten. Seit dem war er immer wieder mit seinen Brüdern auf dem Sommersitz der Familie um die Wette geritten. Eine große Runde von den Ställen aus am Karten vorbei über die Koppel durch die Obstplantage, über den kleinen, künstlichen Fluss hinüber, dann durch die Dattelplantage, vorbei an den Unterkünften der Diener und Sklaven bis es schließlich durch den Zierwald zurück zum Haupthaus ging.

Nazir blickte Kurz nach hinten, ja er war schneller! Seine Brüder hatte er weit abgehängt! Als sein Blick jedoch wieder nach Vorn richtete riss er die braunen Augen schreckerfüllt weit auf. Dort stand, viel zu dicht vor ihm, mitten in der Plantage ein Mann. Viel erkannte Nazir nicht, nur das schwarzes, zu mehreren Zöpfen geflochtenes Haar, schmale Augen und einen bronzefarbenen Teint hatte. In seiner linken Hand klammerte er Schreckerfüllt einen alten Korb, gefüllt mit Datteln und mit der rechten hatte er gerade noch einen jungen Burschen hinter sich geschoben. Dem jungen Reiter blieb keine Zeit sein Handeln abzuwägen. Selbst zu tief erschrocken riss er an den Zügeln und warf sich zur Seite um den wilden Hengst eine andere Richtung zu geben und zu gleich ab zu bremsen.

Doch das Manöver war viel zu gewagt für den unerfahrenen Reiter. Al’kebîr bäumte sich laut wiehernd auf, riss die mächtigen Vorderbeine in die Höhe. Es war vergebens für Nazir sich zu halten, er merkte noch wie er in hohen Boden rücklings durch die Luft flog. Das er ungebremst auf einen großen Fels zwischen zwei Dattelpalmen aufschlug, sollte in seiner Erinnerung schon nicht mehr hängen bleiben. Süße Ohnmacht verschleierte ihm den Schmerz der folgte.

1022 BF Spätsommer – dem Sommersitz der Familie Dhachmani, nahe Khunchom

Sieben Tage und Nächte hatte Nazir geschlafen, Ruban hatte die fähigsten Medici, Magier und Geweihten Khunchoms herbei eilen lassen, doch alle kamen überein, dass der Junge in einem tiefen, heilsamen Schlaf sei und es nichts bliebe als auf sein Aufwachen zu warten. Äußerlich hatte er beim Sturz nur ein paar blaue Flecken und eine Schwere Beule erlitten und so zogen die Gelehrten allesamt wieder fort.

Mit einem nassen Schwamm und viel Geduld hatten abwechselnd Zafira und Halima ihren Sohn und Bruder sieben Tage und Nächte die Lippen befeuchtet damit er nicht verdurstete. Sie saßen an seinem Bett, wachten und beteten in banger Hoffnung, er möge doch die Augen wieder öffnen. Mit den ersten Sonnenstrahlen des siebten Tages, geschah es dann endlich. Ganz als sei nichts gewesen erwachte Nazir mit einmal, blinzelte und öffnete die braunen Augen.

Seine wachende Mutter rief sogleich freudig auf und alle herbei. Nazir erzählte von den Beiden Gestalten die er zu retten versuchten, sowie alles woran er sich sonst noch erinnerte und das er sich schwach fühle und Kopfschmerzen habe er. Daraufhin meinte Ruban mit väterlichem Lächeln auf den Lippen meinte: „Reiß dich zusammen mein Junge, meine Söhne kennen keinen Schmerz!“ und ihm die Hand reichte ihm aufzuhelfen griff Nazir diese um aufzustehen. Doch statt sich aus dem Bett zu schwingen hing er plötzlich nur wie ein Nasser Sack an der Pranke seines Vaters und mit den Beinen noch immer im Bett.

Erst in diesem Moment realisierte er, dass er seine Beine nicht spürte. Alle dachten zuerst nur ein kurzes Gefühl der Taubheit vom langen Liegen, ja seine Brüder lachten gar über die schiefe Pose in der er aus dem Bett hing. Doch als klar wurde, dass der junge Nazir seine Beine tatsächlich nicht mehr spürte wirkte der Schreck ihr Lachen jäh ab.

Wieder hatte man eilig alle Gelehrten herbeigerufen. Nazir wusste kaum was ihm mehr irritieren sollte, das fehlende Gefühl in den Beinen oder all die belesenen Würdenträger, die sich in sein Krankenzimmer drängten um ihn zu untersuchen. Die Medici sahen weiterhin keine Verletzung, mutmaßten aber einen Rückenverletzung und die Magier meinten für ihre Zauber sei zu viel Zeit vergangen. Einzig die Khunchomer Geweihten der Tsa wollten Nazir nicht aufgeben, beteten für seine Heilung und trugen ihn zu den heiligen Wasserquellen des Tempels des Lebens.

In der grünen, ruheerfüllten Tempelanlage lag Nazir unter dem wachsamen Auge der Tempeldiener im seichten Wasser der sagenumwobenen Quellen. Am ersten Tag war er fröhlich und aufgekratzt, schien das Problem kaum zu realisieren, doch am zweiten Tag war er das genaue Gegenteil wütend und zornig wie es nur selten jemand im Tempel des Lebens war schrie und Fluchte er den ganzen Tag bis er Abends erschöpft einschlief. Dann, am nächsten Tag begann er sich endlose Fragen zu stellen: Was soll er den getan haben, dass die Götter ihm seien Beine nahmen, wie sollte er den wieder Fechten, Reiten oder zur See fahren wenn er nicht einmal laufen konnte? Wie sollte er je eine Familie ernähren, den Namen Dhachmani verbreiten und seinen Vater Stolz machen? Hat er denn nichts Gutes getan als er versuchte sein Pferd von den beiden Menschen weg zu lenken, hat er ihnen denn nicht das Leben gerettet, warum bestraften ihn die Zwölf so hart dafür? Natürlich erhielt er keine Antwort und schlief wieder erschöpft ein.

Den vierten Tag verbrachte er damit zu beten und zu flehen nur um am fünften Tag, wo er seine Beine immer noch nicht spürte wieder wütend war. Am sechsten Tag dann glaubte er am Morgen einen Fuchs in den Wolken zu sehen und verhandelte daraufhin mit Phex. Er schwor ihm hoch und heilig das strebsamste und Fleißigste Kind in Khonchom zu sein, wenn er nur wieder laufen könnte. Am siebten Tag schließlich resignierte er, denn langsam keimte In ihm die Erkentnis das wohl nichts ihm Seine Beine Zurückgeben könnte.

Am Abend des siebten Tages kam sein Vater zu ihm. Das Gesicht des Tulamiden war erfüllt von Sorgen. „Mein Sohn, die Geweihten sagen es sei Zeit nach Hause zu gehen. Morgen wird Omar dich mit ein paar Dienern abholen“. Nazir wollte wieder schreien, seinen Vater fragen warum, wo doch all das Heilige doch noch nichts gebracht hatte, er wollte den erfahrenden Abenteuer fragen warum ihm seine Beine genommen wurden, doch stattdessen nickte er nur stumm und gehorsam. Ruban erkannte die Wut und die Verzweiflung in den Augen seines Sohnes und setzte sich zu ihm. „Nazir, ich kann mit all meinem Gold dir nicht deine Beine wiedergeben, aber ich kann dir sagen das wir die Diebe Fasten auf unser Land drangen, unsere Datteln stahlen und dein Pferd aufscheuchten.“. Der Junge nickte nur zuhörend während sein Vater weiter ausholte: „Der Wesir des Großfürstens ist ein Freund unser Familie. Ich werde vor dem Kadi Gerechtigkeit fordern, dass man beide enthaupte und der Kadi wird uns zustimmen.“.

Es dauerte eine Weile bis Nazir begriff was sein Vater sagte und einen Moment wendete er seinen Blick nachdenklich ab, in ihm kämpften Rachedurst und Mitleid einen erbitterten Kampf. Dann aber sah er den alten Tulamiden direkt an: „Eure Sorge und Entschlossenheit ehren mich tief Vater und ich weiß das es eure Pflicht ist eure Familie zu schützen. Aber wenn sie sterben, dann war mein Opfer ohne Wert. Wenn sie sterben dann habe ich meine Beine umsonst verloren. Ich flehe euch an mein guter Vater, last Gnade vor Recht walten und fordert nicht ihren Tod. Sollen sie unser Familie ihren Lebtag dienen, es wird mir meinen auch nicht wieder geben, ihren Verlust aber weniger wertlos machen.“

Ruban blickte seinen Spross lange schweigsam an, erst als er sich erhob nickte er und strich sich durch seinen prächtigen Bart: „Du hast ein gutes Herz mein Kind – so sei es.“. Der alte Abenteuer Ging wieder Heim und sein Sohn schlief einen unruhigen Schlaf voller wilder Träume. Die Tempelwächter wussten zu berichten, dass er sich im Schlaf wild wand und immer wieder unverständliche Dinge murmelte. Doch als er am nächsten Tag erwachte weil sein Bruder ihn rief, blickte er in dessen erstauntes Gesicht. „Was starrst du so Omar! Hast du so viele Tage kein Bad mehr gesehen das es dich ins Staunen versetzt?“, feigste Nazir seinen Bruder an, doch dieser schüttelte nur den Kopf und erwiderte: „Nein Nazir, aber dein Bein, du hast es gerade angewinkelt!“.

So stellte sich unter großer Freude heraus, dass in dieser Nacht Nazir tatsächlich das Gefühl teilweise in zumindest einem seiner Beine auf wunderliche Weise wiedererlange. Es sollte zwar sein das er nie wieder ohne Hilfe ging oder auch nur länger stand, aber nach etwas Training konnte er zumindest mit eine Stock wieder laufen. Warum dieses Wunder Geschah, ob es nun ein Handel mit Phex, die Macht der heiligen Quellen, die Gebete der Tsa Geweihten oder göttliche Gnade nach dem Gnadengesuch des jungen Nazir war, das sollte sich nie ergründen.

1022 BF Winter – Stadthaus der Familie Dhachmani, Fürst-Istav-Allee, Khunchom

Es hatte viel Training und Geduld gebraucht, dass Nazir mithilfe eine Gehstocks halbwegs selbstständig laufen konnte, doch der junge Tulamide wollte unbedingt unabhängig von Trägern sein und Kämpfte mit eisernen Willen um jeden Schritt. Im Herbst, als seine Fortschritte im gehendgültig stagnierten begann er seinen Vater mit vielen Versprechen und Schwüren auf absoluten Fleiß und Gehorsam zu überreden ihn doch noch an der Schule der Kapitäne von Khunchom an zu melden. „Vielleicht,“ mutmaßte Ruban als er schließlich nachgab: „Wird aus dir ein guter Kartograph oder Navigator.“. Natürlich war Nazir voller Freude zur berühmten Seefahrerschule gehen zu können, doch der Zweifel seines Vaters, er könnte kein Kapitän werden, stachelte ihn nur noch mehr an.

Nun zog er einen in Gold gefassten Federkeil über das Pergament, zog dunkle Tinte über Hellen Untergrund um das Schreiben der Sprache der Mittelländer zu üben. Zwar hatte er schon in frühen Jahren vom Hauslehrer der Familie neben vielen anderen Dingen Garethi sprechen gelernt, doch ihre Schrift war nochmals gänzlich anders, und um die vielen Bücher des Kaiserreichs zu lesen, musste er sie beherrschen. Er hatte sich in den Kopf gesetzt noch vor der Jahreswende sein erstes Buch in Garethi zu lesen.

Er wurde aus seiner Schreibübung gerissen, als er aus den Flur metallenes Scheppern und dann einen Jungen schreien hörte. Ebenso hörte er seinen hitzköpfigen Bruder Marawan unaussprechliche Flüche ausrufen. Im nächsten Moment kam Sofian in das Zimmer gerannt. Sofian hieß eigentlich anders, aber Nazir konnte seinen Geburtsnamen kaum aussprechen und hatte ihn deswegen einen Tulamidischen Namen gegeben. Wie Ruban und dessen drei Rechtsgelehrte es vom Kadi gefordert hatten, verurteilte der Kadi die beiden Diebe, die Rubans Pferd aufschreckten, zur Sklaverei. Der Umstand, dass beide hungernde, Maraskanische Kriegsflüchtlinge waren wurde kaum als mildernd beachtet. Den Vater sprach man der Familie Dhachmani und damit Ruban zu während der Kadi den Sohn Nazir direkt zusprach.

Nazir war dem zwei Jahre jüngeren Maraskani von Anfang an ohne Wut begegnet. Für den Händlerssohn war es weniger seine oder Sofians Taten die dazu führten als vielmehr göttlicher Wille oder Schicksalsfügung, er verlor ein Bein und bekam dafür einen Diener. Sofian war ein selbst für sein Alter kleines und dünnes Kind. Die Entbehrungen von Krieg und Flucht hatten ihre Spuren hinterlassen, auch wenn er nun anständig aß, warm schlief und vernünftige – tulamidische Kleidung trug. Nun stand er vor Nazir und sah mit seinen Mandelförmigen Augen bedröppelt zu Boden, das zu schwarzen Zöpfen geflochten Har hing ihm dabei halb vors Gesicht.

Ehe Nazir sich erkundigen Konnte, was geschehen war, kam sein sechs Jahre älterer Bruder Marawan in das Zimmer Gestürm. Mit Zorn in den braunen Augen hob der Tulamide die Flache Hand und holte nach dem maraskansichen Jungen aus. Doch ehe er zuschlagen konnte riss Nazir seinen Gehstock zwischen die beiden und schrie laut: „Halt!“. Leicht irritiert blickte Marawan zu seinem jüngeren Bruder, fuhr ihn dann aber Harsch an: „ Was ist? Er ist ein Sklave und hat mir heißen Tee über die Hose geschüttet. Ich werde ihn Manieren beibringen!“. Der zwanzigjährige kreuzte seine kräftigen arme vor der Brust, doch Nazir zeigte sich wenig beeindruckt vom Gebären seines Bruders. Ruhig aber selbstsicher erwiderte er ihm fast schon rezitierend: „Sofian ist nicht ein sondern mein Sklave und es ist Khunchomer Recht das für die Taten eines Sklaven sein Besitzer in Verantwortung ist. Wenn du also Jemanden prügeln willst, weil Tee auf deine Pluderhose kippte dann schlage mich mein Bruder, aber nicht meinen Sklaven.“. Einen Moment lang herrschte Stille in Nazirs Zimmer und die Brüder starrten sich beide mit zusammengezogenen Brauen an. Bis Marawan schließlich etwas von Klugscheißer zischte ehe er sich umdrehte und davon marschierte.

Noch immer starr vor Schreck stand Sofian still da, erst als er Nazirs Blick bemerkt gab er kleinlaut und mit seinem starken Akzent „Danke Herr“ hervor. Nazir seufzte nur ehe er seinen jungen Diener erneut losschickte um Tee zu hohlen.

1024 BF Sommer – Flussufer des Mhanadi, Khunchom

Während Nazirs linkes Bein sachte schaukelte hing sein rechtes nur regungslos von der Stegkannte, an der der halbstarke Tulamide saß herab. Es war einer der immer seltener gewordenen Tage mit seiner Familie. Seine Brüder waren inzwischen ausgezogen, sein Vater wie immer viel auf Reisen und Nazir selbst die meiste Zeit in der Schule oder am Lernen. Er verbrachte in den letzten Monaten eigentlich mehr Zeit mit dem ruhig hinter ihm stehenden Sofian als irgendjemand anderes, der hatte inzwischen – wohl nicht zuletzt dank des anständigen Essens, einen Wachstumsschub bekommen und wirkte bei weitem nichtmehr so klein und zurückgeblieben wie vor zwei Jahren noch.

Heute war zumindest ein Teil der Familie wieder vereint. Halima und seien Mutter breiteten gerade Speisen auf einem Tuch auf der Wiese aus. Marawan schwamm gerade vom Steg fort und sein anderer Bruder Omar spazierte mit seiner jungen bornländischen Frau Natalja im Arm am Ùfer entlang. Sie waren erst seit wenigen Wochen verheiratet und kannten sich kaum länger. Natalja aber war die Tochter eines engen Vertrauten von Störrebrand und Omars Vater hatte keinen Zweifel gelassen, wie wichtig diese Hochzeit sei. Doch Nazir hatte den Eindruck das die Bornländerin und sein Bruder sich mit der Situation gut arrangierten.

Als sich etwas zwischen Nazir und die Warme Mittagsonne stellte blickte er auf und sah seinen Vater neben sich stehen. Ruban blickte kurz zu seinem jüngsten Sohn ehe er wieder zum schwimmenden Marawan sah. Dennoch sprach er mit Nazir, fragte ihn wie es denn in der Schule liefe. „Nichts läge mir ferner als über unseren guten Lehrer und unseren vielen Möglichkeiten zu erlangen zu klagen. Ich bin Dankbar für jeden Tag den ich lernen darf Vater.“. Der alte Händler nickte und hakte seinen Daumen gemütlich in die breite Schärpe, die er trug bevor er weitersprach: „Ja, deine Lehrer loben deinen Fleiß und deine Umgangsformen sehr.“ Einen Moment schwieg Ruban bevor er wieder, direkt zu Nazir blickte: „Du Träumst noch immer Kapitän zu werden?“. Der halbstarke tulamide wich zuerst dem strengen blick seines Vaters aus, er wusste genau das dieses Gespräch keine sanfte, familiäre Unterhaltung war, vielmehr war es eine Prüfung, strenger als alle die ihm die Schule hätte aufgeben können. Noch einmal atmete er tief ein, dann Blickte er fest entschlossen wieder hoch zu Ruban: „Ja Vater, ich will ein Schiff über die Wellen führen genau wie ihr es so sagenreich tatet.“.

Ruban nickte zufrieden und blickte dann wieder zu seinem anderem Sohn im Wasser ehe er die Stimme abermals erhob: „Es mangelt dir weder am Willen noch am Wissen. Doch ein Kapitän zu sein braucht es auch Kraft und Können Nazir.“. Der angesprochene Krüppel antwortete indem er den Blick senkte und schwieg, es dauerte etwas, bis sein Vater fortfuhr: „Jemand der mit eine Mannschaft und Fracht über das Meer führen will, muss zuerst einmal lernen sich selbst über Wasser halten zu können. Du musst Schwimmen lernen.“. Unweigerlich sah Nazir zu seinem deutlich kräftigerem Bruder Marawan der im Wasser des Flusses seine Runde zog, sich gerade dem Steg wieder näherte. Zögerlich sprach er dann das offensichtliche aus, teilte seinem Vater kleinlaut und höflich mit, dass er wegen seines Beines nicht schwimmen könnte.

Doch Ruban schnaufte daraufhin nur, er packte seinen jüngsten Sohn am Kragen und zog ihn trotz seines Alters fast mühelos hinauf. Kurz bevor er ihn in einem hohen Bogen ins Wasser warf meinte er noch mit unmissverständlich Autorität: „Dann benutz die Arme.“. Noch ehe Nazir ins Wasser viel zuckte Sofian zusammen. Als es platschte schrie der junge Maraskani laut Nazirs Namen und wollte ihn hinterherspringen, doch Ruban hielt ihm an der Schulter fest: „Du bleibst hier.“.

Nazir war vollkommen überrascht von den plötzlichen Wassermassen um ihn herum. Seine Kleidung war leicht und spärlich doch dennoch merkte er ihr Gewicht als sie sich voll mit Wasser zog. Panisch vor Angst zu ertrinken schlug er wild mit den Armen umher, er wusste wie man schwamm – theoretisch, hatte es tausend Mal beobachtet, ja gar drüber gelesen, aber nie getan. Selbst mit dem linken Bein versuchte er auftrieb zu bekommen, doch es war alles vergebens er merkte nur wie er langsam in die nasse Tiefe des Mhanadi gezogen wurde, bis er plötzlich den Himmel nicht mehr sehen konnte.

Als er schon glaubte nun müsste er ersticken spürte er mit einmal wie sich zwei kräftige Hände unter seien Achseln schoben und ihn wieder über die Wasseroberfläche drückten. Als er nach Luft jappste und Keuchte sah er am Steg seinen Vater stehen der den noch immer zappelnden Sofian festhielt. Sein Bruder musste ihn wieder über Wasser gehoben haben. Einen kurzen Moment sah er in die Augen seines Vaters. Dieser selbstherrliche Blick, der ihm sagen sollte – siehst du mein Sohn ich hatte Recht, du kannst nicht zur See fahren. In diesen Sekunden entschloss sich der halb Ertrunkene es seinem Vater zu beweisen, er würde nicht recht haben, Nazir musste nur die Fassung bewahren.

Als dann merkte Nazir wie Marawan ihn wieder los ließ und er erneut zu sinken begann. Doch diesmal blieb er ruhig er begann mit den Armen weite Halbkreise zu ziehen und stieß mit seinem halb gesunden Bein immer wieder versetzt nach unten. Es sollte eine gefühlte Ewigkeit dauern bis Nazir Nazir das Ufer erreichte und er hatte das gefühl auf dem Weg dahin den halben Mhanadi verschluckt zu haben.

Das erste was er sah als er wieder halbwegs zu Sinnen gekommen war, war Sofian der neben ihn Kniete und sich nach seinem Befinden erkundigte. Doch ehe Nazir antworten konnte erhob Ruban das Wort: „Vielleicht mein Sohn, ist dein Wille wirklich stark genug das auf zu wiegen was dir das Schicksal nahm.“. Er lächelte kurz und warm und trotz allem was gerade Geschehen war fühlte der beinah ertrunkene Nazir sich mit einmal von einen unbändigen Stolz erfüllt und dankte seinem Vater breit lächelnd. Dieser aber sah gleich drauf mit strengem Blick zu Sofian: „Und du Bursche, wenn du deinem Herrn wirklich beschützen willst, dann musst du Stärker werden, geschickter werden und kämpfen werden.“. Der junge Sklave wusste nichts zu erwidern außer schüchtern zu Boden zu blicken und „Ja Herr“ von sich zugeben, unwissend welchen Weg er damit eingeschlagen hatte.

1026 BF Winter – Stadthaus der Familie Dachmani, Khunchom

Es war vielleicht etwas zu viel Wein gewesen, jedoch würde Nazir diese Erkenntnis erst am nächsten Morgen stören. Zufrieden mit sich und der Welt lag er seitlich auf seinem prunkvollem Diwan, naschte glasierte Datteln aus einer großen, goldenen Schale und beobachtete den gut trainierten Sofian beim Vorführen von kunstvollen Schwertübungen. Nach vier entbehrungsreichen Jahren des Lernens hatte der junge Tulamide die erste von drei großen Prüfungen an der Schule der Kapitäne abgelegt. Offiziell durfte er sich nun Navigator nennen und würde die nächsten zwei Jahre als solcher auf einem der Schiffe seines Vaters verbringen. Danach würde er nochmals Bücher wälzen müssen und geprüft werden um sich Steuermann schimpfen zu dürfen. Wenn er wiederum mindestens vier Jahre am Steuer zu See gefahren ist, könnte er schließlich die letzte Prüfung ablegen um offiziell die Kapitänsurkunde zu erhalten.

Aber all das war im Moment sehr fern. Im Moment genoss er es einfach nur betrunken zu sein und sich nicht darum zu Sorgen, was er für den morgigen Tag an der Akademie alles vorbereiten müsste. Sofians Bewegungen waren nicht ganz so grazil wie sie auf seinen Herrn wirkten, hatte der jugendliche Maraskani doch selbst mehr als nur einen Schluck Wein gehabt, dafür waren die Säbelstreiche umso schwungvoller. Während Nazir in der Schule der Kapitäne war, hatte man ihn in die Fechtschule geschickt. Sollte er doch fähig sein seinen Herrn vor Piraten und Halunken zu verteidigen. Das viele Training konnte man auch zweifelsohne an Sofians Statur erkennen. Wenngleich er noch immer etwas kleiner als Nazir war, so war aus dem schmächtigen, halb verhungerten Jungen ein breitschultriger, gut trainiert Jüngling geworden, der den Säbel mit behänder Leichtigkeit schwang.

Immer wieder warf Nazir eine gezuckerte Dattel zu seinem Diener, der diese dann im Spiel mit dem Säbel davonschlug. Als dem jungen Tulamiden das zu langweilig schien meinte er spitzbübisch zu dem Säbelschwinger:_ „Sofian, wir sollten die guten Datteln nicht so verschwenden. Aber wenn du mich beeindrucken willst, dann schnappst du sie mit dem Mund._“. Der Maraskani legte den Säbel bei Seite und grinste, protestierte aber dennoch: „Ich bin doch kein Schoßhund, dem ihr süße Häppchen zuwerfen könnt!“. Unbeirrt davon warf Nazir ihm die erste Dattel zu, obwohl Sofian trotzig regungslos stehenblieb verfehlte ihn sein Herr um fast einen halben Schritt. Provokant stichelte der junge Maraskani darauf hin, ob denn nicht nur Nazirs Bein lahm sondern auch sein Auge blind sei.

Nazir hob seine Brauen und harschte Sofian an ohne dabei sein Grinsen zu verlieren: „Wage nicht deinen Herrn zu beleidigen oder ich werde dich Steinigen!“, woraufhin er eine weitere Frucht in die Richtung seines Sklaven warf, abermals an ihm vorbei. Der Jüngere kreuzte die kräftigen Arme und schürzte amüsiert die breiten Lippen: „Steinigen? Womit? Mit Datteln?“. Ohne den Hauch eines Zweifels bestätigte Nazir: „Ja mit Datteln, gezuckerten Datteln. Dein Tod wird süß und klebrig sein.“. Als er wie zur Bestätigung daraufhin eine weitere Zuckerfrucht auf den nun lachenden Sofian zuwarf und diesmal auch traf ging dieser mit breiten Grinsen auf die Knie, wehklagte überzogen dabei: „Oh nein ich wurde getroffen!“. Die nächsten beiden Datteln flogen wieder weit an Sofian vorbei, die folgende aber direkt auf ihn zu und mit einer schnellen Bewegung schaffte der Maraskani sie mit dem Mund zu fangen.

Er kaute noch grinsend darauf herum während Nazir ihm schon die nächste zuwarf. Das Spiel zog sich bis die gesamte Schale leer war, auch wenn die Mehrheit der Datteln, wohl nicht zuletzt wegen dem Rauschzustand der beiden jungen Männer, im Raum verteilt war, so hatte Sofian es doch geschafft einige zu schnappen. Die letzte Dattel aber hatte der Tulamide noch fest zwischen Daumen und Zeigefinger. Mehrmals schon hatte er angedeutet sie zu werfen doch hielt er sie dann weiter fest. Sofian begann, nachdem er sich die ersten zwei Mal hat täuschen lassen, langsam auf seinen Knien näher zu rutschen.

Als der Maraskani vor dem Diwan kniete schnappte er erneut nach der Dattel in Nazirs Hand, doch zog dieser die süße Frucht erneut rasch fort. Erst beim dritten Versuch war Sofian schneller, hatte dann aber mit einmal, statt der Dattel allein Nazirs halben Daumen und Zeigefinger im Mund. Ob dieser ungewollten Geste starrte plötzlich ein braunes Augenpaar irritiert zu mindestens ebenso unsicher blickenden grünen Augen herab. Nazir spürte nicht nur die warmen, feuchten Lippen Sofians an seinem Fingern, sondern auch wie sich mit einmal seine Kehle zuschnürte und sein Herz durch kräftiges Schlagen krampfhaft versuchte aus seiner Brust heraus zu springen. Dass Sofian, weiter mit unsicherem Blick hinaufschauend, statt seinen Mund zu öffnen mit den vollen Lippen über Nazirs schmale Finger glitt und ihm die Dattel so aus dem Griff zog, machte die Gedanken des Tulamiden nicht gerade klarer.

Drei Mal kaute der noch vor dem Diwan kniende Maraskani ohne seinen unsicheren Blick von seinem Herrn abzuwenden, dann schluckte er die gezuckerte Frucht herunter und sah mit nun beschämter Mine zu Boden, schwieg einen Moment ehe er kleinlaut stammelte: „Verzeiht Herr.“. Nazir aber hörte kaum etwas außer seinen eigenen Puls in den Ohren hämmern. Sein warmes, weingeschwängertes Blut raste durch seinen Körper wie nie zuvor, ihm war heiß und dennoch zitterte er zugleich. Kurz noch war dort eine leise Stimme in ihm, die von Konsequenzen, Verantwortung und Risiken sprach, dann aber erdrosselte Rausch und Lust diese Stimme und vergruben sie in der Dunkelsten Ecke seines Geistes. Nazir packte Sofian entschlossen am Kragen und zog ihn soweit es ging zu sich hinauf, diese vollen süßen Lippen endlich zu küssen. Oh Rasha, betete er Gedanken, lass diese Nacht nie zu Ende gehen.

1032 BF Frühjahr – Stadthaus der Familie Dachmani, Khunchom
„Halima ich sage dir, sie hatte Augen wie ein Fisch, ein Gebiss wie ein Pferd und den Geruch eines Straßenhundes“ Nazir und seine Schwester lachten beide bittersüß, es war lange her, seit die beiden sich ausgiebig Unterhalten konnten. Die vergangenen Jahre war Nazir fast ununterbrochen zwischen Maraskan, Khunchom und dem Perlenmeer unterwegs gewesen und die kurze Zeit, in der er einmal Zuhause war, verbrachte er meist Ruban oder einem seiner Brüder um weiter in das Familiengeschäft integriert zu werden. Wenn es denn aber nur die Geschäfte gewesen wären, in die man Nazir hätte einführen wollen, so hätte er sich kaum beklagt. Mehr störte ihm, dass nun mittlerweile jedes Mal, wenn er heim kam, ihm seine Eltern eine andere junge Frau vorstellten und vorstellten implizierte hier die unmittelbare Erwartung, er würde sie heiraten. Zwar war Nazir als jüngster von vielen Söhnen Rubans nicht unter demselben Druck wie seine älteren Geschwister, aber dennoch wurde gerade sein Vater mit jedem Mal ungeduldiger.

Seine Schwester Halima war da seine einzige Verbündete in der Familie. Sie wusste von Nazir und Sofian, und von den ausschweifenden Bordellbesuchen ihres Bruders, nicht zuletzt weil sie ihn mehr als einmal gedeckt hatte. Nun ließen sich die Beiden gerade über Nazirs letzte „Verabredung“ aus, die Tochter eines Kapitäns der für seinen Vater fuhr. Halima selbst war in einer ganz anderen Situation, aus dem kleinen Mädchen mit dem krausen Lockenkopf war eine schöne, junge Frau geworden, deren langes, welliges Haar offen getragen das sanfte Gesicht umrahmte, über die spitzen Schultern hing und auf den wohlgeformten Busen fiel. Ihr Temperament aber sprach ihren feinen Zügen Hohn. Halima war eine heißblütige und selbstbewusste Tulamidin, deren Verstand mindestens ebenso scharf war wie ihre Zunge.

Als die jüngste Tochter Rubans mit zarten achtzehn ihren Eltern erklärte, dass sie sich nicht verheiraten lassen würde, war das in der Familie ein Eklat. Das machte es für Halima aber nicht gerade einfacher. Sobald einer von Halimas zahlreichen Bekanntschaften erfuhr, wer ihr Vater und ihre Brüder waren, suchten sie mehr oder minder rasch das weite. Nazir aber hatte seine jüngere Schwester dennoch für ihren Mut bewundert sich den Eltern so zu wiedersetzen, wand er sich doch immer nur aus ihren Vorschlägen heraus. Zu dick, dünn, hässlich, dumm, humorlos, verschwenderisch, geizig – irgendein Grund die Damen abzulehnen ersann er immer.

Sie saßen beisammen und lachten herzlich, wie früher als Kinder, am Rand des kleinen Springbrunnens im Haus der Familie. Schließlich griff Halima die schlanke Hand ihres Bruders: „Oh Nazir, wie viele Mädchen willst du noch unglücklich machen? Du musst mit Vater reden um dieser endlosen Scharrade endlich ein Ende zu machen:“. Der junge Tulamide seufzte und wandte den Blick ab von seiner Schwester ehe er ihr Antwort gab: „Du verstehst das nicht, das ist nicht so wie bei dir.“. Halima hakte nach warum dies so sei, etwa nur weil sie eine Frau sei. „Ja scho… – eh – Nein – also…“, druckste ihr Bruder herum bevor er erneut seufzte und die Worte fand: „Mein ganzes Leben wollte ich so sein wie Vater, auf große Abenteuer fahren, neue Gestrande entdecken, viele Reichtümer bergen und in der Heimat ein großes Haus, mit vielen Frauen, Kindern und Dienern darin. Ich wollte immer nur das Vater stolz auf mich ist.“ In theatralischer Geste sah Nazir Halima wieder in die Augen, sprach erst dann weiter: „Ich kann nicht einfach zu ihm gehen und ihm sagen, dass ich statt klug und oft zu heiraten um das Ansehen und den Einfluss der Familie zu mehren und viele Erben zu zeugen meine Nächte lieber mit Männern aus Bordellen, schlimmer noch mit meinem Leibdiener verbringe.“.

Ein sanftes Lächeln legte sich auf Halimas Lippen, genau diese Diskussion hatte sie schon so oft mit ihrem Bruder geführt, eins war fast allen Kindern Rubans gleich, sie ließen sich nur schwer von ihren Meinungen abbringen. Mit zarter Geste strich sie ihrem Bruder durchs Haar und seufzte „_Ach Nazir, manchmal frage ich mich, ob du nun unbedingt zur See fahren willst um Vaters Stolz zu ernten oder seinen wachen Augen zu entfliehen.“_. Der Tulamide lachte nur und überspielte mit einem sarkastischen Kommentar, dass er natürlich zur See fahre um die Freudenhäuser aller Hafenstädte Aventuriens kennen zu lernen, dass er die eigentliche Antwort auf Halimas Frage selbst nicht wusste.

Es vergingen noch einige Stunden, in denen die Geschwister Anekdoten, Geschichten und Tratsch austauschten, ehe es Zeit für beide wurde, wieder ihrer Wege zu gehen. „Aber eines noch Nazir.“, sprach Halima und nahm aus der Innenseite ihres Gewands ein kleines Säckchen gefertigt aus roter Seide hervor. Sie reichte es ihrem Bruder, sagte dass sie sofort an ihn denken musste, als sie es sah. Nazir öffnete das Seidenbündel behutsam um darin eine kleine goldene Schlange zu finden, die sich im Kreis gelegt hatte, und die Schwanzspitze knapp unter ihren Kopf geschlungen hatte. Offensichtlich konnte das Kleinod als Ring getragen werde, vorsichtig nahm ihn Nazir heraus und steckte sich ihn an den Zeigefinger seiner Rechten. Nachdenklich betrachtete das Schmuckstück einen Moment und hob dann die Brauen: „Eine Schlange?“. Halima lächelte sanft als sie erwiderte: „Eine Kobra. Stolz, schön, gefährlich – giftig, mit dicker Haut und spitzer Zunge. Ein faszinierendes und edles Wesen, auch ohne Beine Nazir.“.

1033 BF Sommer – Thalukke Wüstenwind, Perlenmeer

In Nazir kochte noch immer die Wut, nur wusste er nicht sicher auf wen er am wütesten war. Über den Matrosen, über Sofian der ihn so vorwurfsvoll ansah oder über sich selbst und seine Reaktion. Die fast schon beängstigende Stille an Bord der in die Jahre gekommenen Thalukke machte es nicht besser. „Verdammt!“, der junge Kapitän knallte mit der Faust auf den Tisch und harschte Sofian der auf einer Kiste in der engen Kajüte saß an: „Sieh‘ mich nicht so an!“. Der kräftige Maraskani senkte für einen Moment seinen Blick doch linste nur kurz später zu Nazir: „Verzeiht mir Herr, aber ich Sorge mich um euch, ich meine – wahr das wirklich nötig? Ihr seid doch sonst nicht so. Das war nicht der Nazir den ich kenne.“.

Es war ein großer, schwerer Klos in Nazirs Hals, den er runterwürgen musste ehe er mit leichter Verzweiflung zu seinem geliebten Sofian blickte: „Was hätte ich den tun sollen?“. „Ihn jedenfalls nicht halb zu Tode peitschen sollen. Zehn Hiebe für eine halb leere Flasche Schnaps waren zu viel Nazir. Der Mann kann kaum noch laufen.“. Kapitän Nazir zog scharf Luft ein, setzt e an was mit spitzer Zunge zu erwidern, schluckte es dann aber herunter und wandte seinen Blick für eine Weile schweigend aus dem Fenster ehe er wieder ruhig zu sprechen begann: „Du verstehst das nicht Sofian. Wenn ich milde zu ihnen bin, dann werden sie mich nicht respektieren, denn dann bin ich für sie nur der verweichlichte, verkrüppelte Sohn Rubans. Selbst wenn ich sie den behandle, wie jeder andere Kapitän auch, dann bin ich immer noch der Krüppel der nur wegen seinem Vater das Kommando hat. Wenn ich will das sie mich respektieren muss ich doppelt so hart sein wie jeder andere.“.

Nazirs Augen starrten noch immer stur aus dem Fenster auch wenn es da draußen nichts als die selten ruhige See in der Abenddämmerung zu sehen gab. Er bemerkte gar nicht, wie sich Sofian erhob und langsam zu ihm herüber Schritt, bis sich der Maraskani neben seinen Herrn kniete, seinen Kopf behutsam auf dessen Knie stützte und ihm sanft mit der Hand über den Oberschenkel strich. Mit gequältem Lächeln sah Nazir zu seinem Diener herab, der wiederum mit seinen grünen Augen zu dem Tulamiden hinauf schielte. „Herr, ihr habt mich nie geschlagen, ihr seid mir nie mit Härte begegnet und dennoch gibt es niemanden den ich mehr respektiere. Nazir ihr seid ein guter, gerechter und kluger Mann, die Mannschaft wird euch respektieren wenn ihr die richtigen Entscheidungen trefft, ganz egal wie hart ihr sie prügelt oder wer euer Vater ist.“. Das Lächeln auf Nazirs Lippen wirkte mit einmal viel mehr verlegen als gequält, zärtlich strich er Sofian durchs Haar und schwieg noch kurz ehe er antwortete: „Deine Worte sind wie lieblicher Honig der allen Gram und alle Zweifel in meiner Seele überdeckt. Leider aber ist es nicht ganz so einfach – sieh Sofian, du bist nicht wirklich – nicht wirklich Objektiv und du kannst dich nicht mit einem Thorwalschen Seemann vergleichen den an jeglicher Sensibilität, Feingefühl und Verstand fehlt.“.

Der Maraskani brummte nur ein leises: „Mhm“, schien aber mit den Gedanken nach erneutem Schweigen der beiden Männer ab zu schweifen, Langsam wanderte seine Hand Nazirs Oberschenkel immer weiter hinauf, doch erst als die Geste nicht mehr fehl zu interpretieren war fragte er leise mit verschmitzten Grinsen: „Herr, soll ich heute nicht besser bei euch schlafen?“. Der angesprochende blinzelte kurz irritiert ob des Themenwechsels, brachte es dann aber fertig zugleich erfreut zu schmunzeln und im fast selben Moment resignierend zu seufzen: „Du weist das ich nichts mehr begehren würde als deine Nähe mein Juwel, aber die Wände hier sind dünn beinah wie Leinen. Mein Vater wüsste davon noch ehe wir selbst Khunchom erreichen.“. „Euer Vater ist nicht hier.“, meinte der noch immer grinsende Maraskani während er seine kräftige Hand unter Nazirs Hemd schob. Doch der Tulamide packte Sofians Finger und zog sie langsam wieder von sich fort, blickte seinen Sklaven fast nun vorwurfsvoll an: „Hast du nicht gerade von richtigen Entscheidungen gesprochen? Ich glaube jetzt zu Feiern oder sich unseren süßen Sehnsüchten hinzugeben wäre auch wenn es mein Vater nicht erführe nicht das richtige Zeichen an die Mannschaft Sofian.“.

In einer überzogen betont schmollenden Geste rollte der Maraskani die Lippen. Er wollte Protestieren doch als er Luft dazu holte brachten ihn Nazirs Lippen kurz und zärtlich zum Schweigen: „Ich verspreche dir, von dir zu träumen wenn du selbes tust, aber geh für diesen Abend, es ist besser so.“.

Nazir ibn Ruban Al´Dhachmani

Die Grüne Hölle - Eine vergnügliche Butterfahrt jmech